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Die Vermessung der Lemgoer Feldmark durch Philipp August Merkel (1794 - 1799) - digitale Version

Am 4. Juli des Jahres 1794 beauftragte die Stadt Lemgo den Feldmesser und Forstauditor (Forstgutachter) Philipp August Merckel (1775-1837) mit der Kartierung der gesamten Lemgoer Feldmark und der Erstellung eines dazugehörigen Messbuches, um die auf den Flächen und Grundstücken lastenden Abgaben und Dienste vollständig und verlässlich zu erfassen. Die kolorierte Karte ist gleich zweimal angelegt worden und befindet sich im Stadtarchiv Lemgo (A 347). Einmal liegt sie in gebundener Mappe aus 41 Inselkarten vor. Alle 41 Reviere sind im Maßstab 1:3:000 dargestellt. Als zusammenhängende Übersichtskarte („General-Charte“) in der Größe von etwa 3,30 x 2,80 m ist sie außerdem für den Rat der Stadt angefertigt worden.

Beide Kartenwerke sind in den Jahren 2003/04 von der Kulturinitiative „Frauen für Lemgo“ konserviert und gesichert worden. Das Vorstandsmitglied Hannes Donath im Verein Alt Lemgo hat die Einzelkarte und das Kartenwerk digitalisiert.

Der Arbeitskreis Stadtgeschichte im Verein Alt Lemgo transkribierte 2006/07 das mehr als 200 Jahre alte Messbuch in handgeschriebener Deutscher Schrift. Das Buch hat die
Abmessung von 22 x 33 cm (Kanzleiformat),besitzt 548 Seiten und ist in Leder gebunden. Die vollständige Transkription kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Digitalisat der Einzelkarte

Digitalisate des Kartenwerks

Transkription des Messbuches (PDF, eta 4,5 MB) 


Generalkarte der Lemgoer Feldmark aufgrund der Vermessung von 1794-1799 durch Philipp August Merkel (Vortrag von Dr. Gisela Wilbertz vor dem Kulturausschuss der Stadt Lemgo am 28.06.2004)

Vorgeschichte

Ab 1775 fand im gräflich-lippischen Amt Brake eine Revision des Katasters statt, die 1781 in die Erstellung eines neuen Salbuches mündete. Die darin gemachten Angaben der Grenzbewohner stimmten aber laut eines Gutachtens des Lemgoer Bürgermeisters Johann Anthon Bentzler vom 12. August 1782 nicht mit den Befunden der städtischen Schnatgänge (Grenzbegehungen) überein. Da die Stadt Lemgo auf drei Seiten vom Amt Brake umgeben war, konnte man dies nicht ohne weiteres hinnehmen. Offenbar lag hier der Anstoß, bei der gräflich-lippischen Regierung in Detmold den Antrag zu stellen, die städtische Feldmark vermessen lassen zu dürfen und darüber ein eigenes Kataster anzufertigen. Dies wurde am 4. März 1783 genehmigt. Zuvor allerdings mußten die strittigen Grenzfragen zwischen dem Amt Brake und der Stadt Lemgo geklärt werden. Eine Kommission mit Vertretern der Stadt, des Amtes Brake und der Regierung wurde eingesetzt. Sie brauchte mehr als zehn Jahre, nämlich bis zum 23./25. Juni 1794, um zu einem Vergleich zu kommen. Erst auf dieser Grundlage war eine Vermessung möglich.

Die Vermessung der städtischen Feldmark

Am 12. Juli 1794 schloß die Stadt Lemgo, vertreten durch die beiden Bürgermeister Christian Friedrich Helwing und Johann Albert Heldmann, einen Vertrag mit dem Feldmesser und Forstauditor Philipp August Merkel, wohnhaft im Ottenkrug bei Alverdissen. Die Aufgabe lautete, „die gesamte Feldmark der Stadt Lemgo an Ländereien, Gärten, Wiesen, Weiden, Gemeinheiten, Holzungen, Wegen u.s.w. [...] kunstmäßig und mit Hinzuladung der Interessenten zu vermessen und auf eine oder mehrere Charten zu bringen, auch dieses Geschäft nach Möglichkeit binnen zwei Jahren zu Ende zu bringen.“ Nach Genehmigung durch die Regierung in Detmold wurde Feldmesser Merkel vereidigt und ihm am 22. September 1794 eine siebenseitige Instruktion mitgegeben, wie die Vermessung im einzelnen geschehen solle. Als Ergebnis wurde die Vorlage eines sog. „Messbuches“ (d.h. Vermessungsbuches) erwartet, worin alle Parzellen nach bestimmten Kriterien zu beschreiben waren, und „eine General-Charte mit dem Grundrisse der Stadt Lemgo“, die die Einzeichnung dieser Parzellen in einer vorgegebenen Kolorierung enthalten sollte.

Noch im gleichen Jahr machte sich Philipp August Merkel ans Werk. Die projektierten zwei Jahre allerdings erwiesen sich als unrealistisch. Erst am 9. Oktober 1799 konnte er dem Magistrat den Abschluß der Vermessungsarbeiten melden. Wie aus dem damals vorgelegten Bericht hervorgeht, war der Hauptgrund für die Verzögerung das mangelnde Interesse der Grundstückseigentümer, die sehr häufig zu angesetzten Terminen nicht erschienen. Auf deren Mithilfe war man aber unbedingt angewiesen, um korrekte Grenzen festlegen und diese erstmals kartieren zu können. Die Vermessung war aber auch deswegen weit schwieriger als heute, weil sie noch nicht mit Hilfe trigonometrischer Punkte erfolgen konnte. Letztere sind erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Nachdem das Ergebnis der Vermessung die Billigung des Magistrats gefunden hatte, konnte Merkel eine Reinschrift des Messbuches anfertigen, das ebenfalls noch erhalten ist (Signatur: A 347), und die zugehörige Generalkarte zeichnen. Beides war am 19. Juni 1800 fertiggestellt. Gleichzeitig präsentierte Merkel seine Rechnung entsprechend den in seinem Vertrag festgesetzten Konditionen. Die Kosten beliefen sich auf insgesamt 1827 Taler 17 Mariengroschen 5 ½ Pfennige. 900 Taler hatte er bereits erhalten, der (größere) Rest stand noch aus. Wegen der restlichen Zahlung kam es zu einer Auseinandersetzung, die bei der Regierung in Detmold endete.

Die „General-Charte“

Die von Merkel gezeichnete Karte ist die erste Gesamtdarstellung der städtischen Feldmark, also des Hoheitsgebietes der damaligen Stadt Lemgo. Eingeteilt in 41 Reviere, ist darauf nicht nur jede einzelne Parzelle eingezeichnet, mit Ziffern oder Buchstaben versehen und so anhand des Messbuches zu identifizieren, sondern auch viele sonstige Details, wie z.B. der Kirchturm von St. Johann mit umliegendem Kirchhof, die Turmhöfe, die Mühlen, Bauerschaften und Einzelgehöfte, alle Flüsse und Bäche, bis hin zu Galgen und Rad auf dem Neuenpförtnerbruch mit den Überresten des 1774 hingerichteten Johann Christoph Krop. Die vielen interessanten und aufschlußreichen Einzelheiten, die ich nur beispielhaft erwähnen kann, erschließen sich erst beim aufmerksamen und genauen Hinschauen. Noch aus einem anderen Grund ist die Karte bemerkenswert: Sie enthält einen Grundriß der Stadt Lemgo und damit den ersten überlieferten Stadtplan. 

Angesichts der vielen Schwierigkeiten und begrenzten technischen Möglichkeiten seiner Zeit hat m.E. Philipp August Merkel eine bewunderungswürdige Leistung vollbracht. Generalkarte und Messbuch sind einmalige Quellen für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, für Topographie und Landschaftsentwicklung u.a.m., wie sie in dieser Vollständigkeit und Genauigkeit nur selten erhalten sind – in Lippe ohnehin nicht, aber auch im weiten Umkreis kenne ich keine Stadt, die Vergleichbares aufzuweisen hätte. Um so mehr ist den „Frauen für Lemgo“ zu danken, die eine Konservierung der Karte in der Restaurierungswerkstatt des Westfäl. Archivamtes in Münster ermöglicht haben. Die Karte war stark verschmutzt und stellenweise sehr beschädigt. Neben einer Reinigung fand eine Sicherung und Wiederbefestigung der abgelösten Papierteile auf dem Leinenuntergrund statt. Fehlstellen wurden nicht ersetzt. Zu wünschen wäre eine weite Verbreitung und Nutzbarmachung der Karte. Sie dauerhaft öffentlich zu präsentieren, wäre jedoch problematisch, u.a. wegen der Größe (ca. 2,30 x 2,80 m), und würde dem lichtempfindlichen und auch sonst empfindlichen Stück mit Sicherheit schaden. Ob man also nicht einen Faksimiledruck in kleinerem Format ins Auge fassen könnte?

Quelle: StaL A 2512