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Tag des offenen Denkmals 13.09.2020

Der Annenhof bzw. die Alte Abtei (Breite Straße 10)

Vom Kerkmannschen Adelshof zur Residenz der Äbtissinnen des Stiftes St. Marien (um 1585 - 1797)

Die Außenmauern und Giebel des heutigen Gebäudes der VHS Detmold-Lemgo (Breite Straße 10) entsprechen noch dem ursprünglichen Adelshof des lippischen Kanzlers Heinrich Kerkmann (oder Kirchmann), der hier seinen Wohnsitz nahm, während die gräflich-lippische Regierung ihren zweitweise Residenz auf Schloss Brake hatte. Die Traufenlage des Gebäudes ist charakteristisch für die Nutzung als Adelshof (vgl. ähnliche Höfe wie Aufzählung). Der Bau- und Kunsthistoriker Otto Gaul vermutet, dass der Lemgoer Steinmetz Hermann Wulff (geboren um 1530 - 1540, gestorben nach 1599) Architekt des Hauses ist, da es Übereinstimmungen zwischen dem Beschlagwerk der Fenstergewände an der Alten Abtei und an einem Kamin im Braker Schloßturm gibt. Für das Braker Schloss ist Wulffs Mitgestaltung gesichert. Unter den Erben Kerkmanns (oder Kirchmanns) blieb das Gebäude unbewohnt.

Die Lage des Kerkmannschen Hofes grenzte im Osten an ein Gebiet an, das vermutlich vor den Plünderungen des Dreißigjährigen Krieges (1642 und?) zumindest teilweise bebaut und bewohnt war. Darauf deutet auch eine Inschrift auf einem nicht mehr erhaltenen Bauwerk im späteren Abteigarten hin: "Aus volkreich blühender Stadt seit Schwedens Verwüstungszeit Wiese [...]". Der östliche Teil der sog. Neustadt (Heilig-Geist-Bauerschaft), in der Kerkmannsche Hof liegt, war auch der Stadtteil mit dem größten Verlust an Bau- und Wohnsubstanz vor 1648.

Im Januar 1768 erwarben Ludwig Heinrich Adolf, Graf zur Lippe (1732 - 1800) und seine erste Frau, Anna Friederike Wilhelmine zu Hessen-Philipsthal (1735 - 1785) das Anwesen (einschließlich der zugehörigen Neben- und Wirtschaftsgebäude) von Landrat Kirchman. Ihre Wappen finden sich noch heute als Allianzwappen über dem Eingang zur Abtei und ihre Monogramme in den gusseisernen Balustern auf dem Eingangspodest. In den nachfolgenden Jahren vergrößerte der neue Eigentümer den Besitz um den Ankauf weiterer Grundstücke und Gebäude aus dem Eigentum Lemgoer Bürger, die er für den Ausbau der Gartenanlage abreißen oder umbauen ließ.

Nach dem Erwerb der östlichsten Grundstücke 1795 stammt auch der Plan oder Entwurf der fürstlichen Gartenanlage in ihrer Gesamtheit, vermutlich erstellt durch den lippischen Landbaumeister Christian Teudt. Eine erste Gartenanlage - östlich vom Hofraum des Kerkmannschen Hauses - muss bereits bereits nach 1769 angelegt worden seinDer Entwurf der Gartenanlage  mit ihrer abwechslungsreichen und vielfältigen Ausstattung wurde vermutlich durch das in Lemgo 1773 erschienene Werk  "Über die chinesischen Gärten" von Ludwig August Unzer beeinflußt. In seiner Schrift stellt Unzer die Verbindungen zwischen der  chinesischen Gartenkunst und der zeitgenössischen Theorien der maßgeblichen englischen Garten- und Landschaftsgestalter heraus; Prinzipien nach denen auch der Abteigarten gestaltet war.

Zum gräflichen Komplex gehörte auch das sogenannte Schradersche Haus (Breite Straße 11, benannt nach dem Pastor an St. Marien Ernst Heinrich Philipp Schrader (1699 - 1772) gegenüber dem ehemaligen Kerkmannschen Hof. Zugehörig war auch ein Gemüsegarten vor dem Langenbrücker Tore, der an Lemgoer Bürger in Parzellen verpachtet wurde.

1797 - 1867

In seinem Testament 1797 bestimmte Graf Ludwig den nun nach seiner ersten Ehefrau benannten Annenhof zur Residenz der Äbtissinnen des Stiftes St. Marien. Die Äbtissin als oberste Vertreterin der Frauengemeinschaft war nach der Stfitsordnung von 1715 eine unverheiratete Tochter aus dem regierenden Haus der Grafen zu Lippe-Detmold (zugleich auch des Stfites Cappel bei Lippstadt). Die Äbtissinnen hielten sich in Lemgo nur selten auf, sondern eher im benachbarten Schloß Brake oder im Stift Cappel. Erst die Äbtissin Luise (???? - 1887) bewohnte die Abtei ab Mitte des 19. Jahrhunderts teilweise und nach dem Umbau bzw. der Sanierung 1867 dann vollständig.

Aus dem Jahr 1802 liegt eine ausführliche Bestandsaufnahme des gesamten Anwesens vor. Die gebäudeweise Begutachtung erfolgte durch die Kunstsachverständigen Landesbaumeister Teudt aus Detmold, Zimmermeister Kuhlemann aus Lemgo und Maurermeister Kreter ebenfalls aus Lemgo. Nachfolgend eine Zusammenfassung der wesentlichen Beschreibungen. Die detaillierten Schilderungen der Türen, Schlösser, Fenstergewände und Fußböden sind weitgehend weggelassen. Die systematische Begehung vermittelt einen guten Eindruck des damaligen Komplexes.

Das Hauptgebäude

Das große Wohnhaus ist 94 Fuß lang, 48 Fuß breit, 2 Stockwerke hoch, massiv aufgeführt, das Dach mit Ziegelsteinen gedeckt, beide Giebel sind bis in die Spitze mit Sandstein eingefasst. Das Souterrain ist 9 Fuß hoch, der erste Stock 12 1/2 Fuß hoch und der zweite 11 1/2 Fuß hoch. Zum Eingang in den ersten Stock führt von beiden Seiten eine doppelte Treppe, von Sand- und Quadersteinen gemauert, 7 Fuß breit. jede Seite 14 Stufen mit einem eisernen Geländer. Im ersten und zweitenStock befinden sich 32 steinerne Fenstereinfassungen, von der Straße führt eine zweiflügelige Türe ins Soutterain. Rechter Hand vom Eingang zur Straße eine Kammer. Neben dem mittleren Gang eine Kammerstube. Weitere Räume im Souterain: Bedientenstube, Arbeitsstube, Küche, Speisekammer, eine weitere Kammer, Gemüsekeller und ein Weinlager.

Zur ersten Etage führt aus dem Souterrain eine in der Mitte gebrochene Treppe mit 13 Stufen, an beiden Seiten Geländer, Treppe 6 Fuß breit, an der Treppe in der Mitte befindet sich ein Glasfenster, die Haustüre in der ersen Etage oben mit Glas unten mit Holzfüllung. Räume in der ersten Etage: ein kleines, bisheriges Schlafzimmer dessen Wände mit Leinwand überzogen und simpel in Ölfarbe bemalt sind. Ein zweites, größeres Zimmer mit grüner simpler Tapete und mit tapezierter Wandtüre, Die Türe führt auf den kleinen und schmalen Gang, der das Nebengebäude, worin sich der ehemalige Schauspielsaal befindet, mit dem Hauptgebäude verbindet. Des Weiteren ein Eckzimmer nach den Nebengebäuden hin. Eine Türe im Eckzimmer führt auf den Saal mit in Öl gemalte Leinwand-Tapete mit Medaillons und Thürstücken. Aus dem Saal führt eine Türe in ein Nebenzimmer mit gemalter Leinwandtapete mit Landschaften. In das zweite Stcokwerk führt eine französische Treppe mit 20 Stufen, 6 Fuß breit, nebest doppeltem Geländer.

Räume im zweiten Stockwerk: Wohnzimmer mit gemalter Leinwand-Tapete, daneben ein zweites Zimmer mit Papiertapete, ein weiteres Wohnzimmer zum Hofe hin mit gemalter Leinwandtapete, von da aus in das Porzellan-Cabinett, Dort die Wände mit Gips-Marmor verkleidet, vom Kabinett aus in den Salon mit Leinwand-Tapete mit morgenländischen Gemälden (?), von da aus in das Staatszimmer mit gemalter Leinwand-Tapete. Noch ein Zimmer nach der Straße, linker Hand vom Aufgange zur Entree mit gemalter Leinwand-Tapete.

Von der Entree des zweiten Stockwerks führt eine Treppe von 18 Stufen, sechs Fuß breit mit beidseitigem Geländer ins Dachgeschoß. Es folgen mehrere Zimmer ohne Funktionsbezeichnung. Von der Entree des
Dachgeschosses führt eine Treppe mit 18 Stufen und doppeltem Geländer zum Kehlgebälk, dort Rauchkammer und Taubenschlag.

Die Nebengebäude

Das Nebengebäude stößt mit dem einen Giebel an die Straße, mit dem anderen aber an den kleinen Zwischenbau, der dieses Nebengebäude und die Scheune miteinenader verbindet. Aus dem Hauptgebäude und zwar aus dem gedachten zweiten größeren Zimmer führt eine Treppe von fünf Stufen auf den kleinen und schmalen Gang, der das Nebenhaus mit jenem verbindet. Das Nebengbäude selbst an der Straße, ist unten zum Brau- und Backhause, oben aber zum
Kornausschütten eingerichtet, 47 Fuß lang, 26 Fuß breit, besteht aus einer Parterre und einem Stockwerk darüber, hat ein mit Ziegeln gedecktes, gebrochenes Dach und mit Bruchsteinen ausgemauerte Fächer. Zum ersten Stockwerk führt eine Treppe mit 18 Stufen. Von dem kleinen und schmalen Gange, der das Haupt- und Nebengebäude verbindet, geht man auf den ehemaligen Schauspiel-Saal. Aus dem Saal führt eine schlechte Treppe auf den Dachboden.

Scheune und kleiner Bau zwischen Scheune und Nebengebäude

Der Anbau zwischen dem Nebengebäude und der Scheune ist 26 Fuß lang, 22 Fuß breit und hat über der Parterre noch ein Stockwerk. Die Fächer sind mit Bruchsteinen ausgemauert, das Dach ist aus Ziegeln. Im Gebäude eine Milchkammer, darüber ein Zimmer. Eine kleine Treppe führt auf den ehemaligen Schauspielsaal im Nebengebäude. Die Scheune bzw. Stallung ist 78 Fuß lang, 26 Fuß breit und der Winkel 38 Fuß lang und 27 Fuß breit. Gebrochenes Dach mit Ziegelsteinen.
Darin Kuhställe, Futterkammer, Stallstube. Der an die Scheune gebauete Anhang ist 49 Fuß lang, 8 Fuß breit und 7 Fuß hoch.

Die Holzremise auf dem Hofraum

Die Holzremise besteht aus 15 Fach, inwendig aus Latten, auswendig aus gemauertem Fachwerk. Dächer mit Ziegelsteinen. Am inneren Hofraum eine an die Holzremisen stoßende Befriedigung von Zimmerholz, Ständern und Ziegeln gefaßt, die Fächer gespieletm mit Grundpfeilern, einer Grundmauer und oben einer Reihe Ziegelsteine. Zwei Wasserpumpen mit ausgemauerten Brunnenfassungen auf dem Hof. Pflaster im Hof: 112 Fuß lang und 64 Fuß breit. Zur Straße zwei große Tore, auf jeder Seite des Hauptgebäudes, jedes mit zwei Flügeln. Zwischen den beiden Holzremisen eine große Flügeltüre zum Garten. 

Gartengebäude und Befriedigungen

Linker Hand vom Eingang befindet sich das chinesische Gartenhaus, neu erbaut und massiv. 35 Fuß lang, 21 Fuß breit und bis an das Dach 11 Fuß hoch, der Fußboden mit Solinger Quadersteinen belegt, das Dach mit platten Ziegelsteinen und Schindeln gedeckt. Zum Eingang des Hauses, welches nur aus einem Salon besteht, führt eine Glastüre von zwei Flügeln. Des weiteren eine russische Schaukel. 
Das Gärtner-Haus: neu erbaut, 40 Fuß lang, 18 Fuß breit, mit einem halben Dach versehen, mit Ziegelsteinen gedeckt. Die Fächer mit Bruchsteinen ausgemauert. Haustüre mit zwei Flügeln.
Das Orangerie-Gebäude: 58 Fuß lang, 20 Fuß breit, halbes Dach mit Ziegeln gedeckt. Fächer mt gebackenen Steinen ausgemauert.
Das Gartenhaus [sog. Freundschaftstempel]: unten im Garten, auf einem Schneckenberge, achteckig gebaut. Das Hauptgebälk, worunter ein Eiskeller mit Balken, ruhet auf acht Säulen. Das Haus ist 22 Fuß im Durchmesser und ein Dach mit vergoldetem Knopf und Stern auf der Helmstange, Wände mit Bruchsteinen ausgemauert. In das Haus führt eine Flügeltüre. Grüne Papiertapete mit Borden.
Gitterhaus: hat ins Kreuz gegitterten Wänden, hat ein mit Stroh und Moos gedecktes Dach, ist 27 Fuß lang und 15 Fuß breit.
Lattenlaube: aus figurierten hölzernen Stäben achteckig und kuppelförmig gebaut. Darin ein Tisch aus Quadersteinen.
Bad: aus Quadersteinen, darum einen Einfassung, inwendig aus alten Weiden-Stämmen, auswendig aus eichenen Dielen, ein Schöpfrad mit blechernen Schöpfern.
Viereckige Lattenlaube: darin Bänke. 
Der Zustand der verschiedenen Brücken im Garten wird als schlecht beschrieben.

Befriedigung

Um den Garten gehet auf beiden Seiten zum Teil eine Mauer, zum Teil aber ein ???
von Dielen. Am Ende ist er durch ein fließendes Wasser, wovor eine lebendige Hecke hinter dem
Gartenhause hergeht, begrenzt. Die Einfriedgung aus Mauerwerk umfasst 984 Fuß, die eichenen
Dielen 55 bis 60 Fach groß und klein. In der Mauer an der einen Seite linker Hand vom Eingange
des Gartens vom Hofraum her sind zwei große Flügeltore und eine kleine einfache Türe unten an
der Ecke. ! !
Im Garten sollen sich nach Angabe des Gärtners auch 100 Stück Obstbäume befinden ! !
Das Schradersche Haus ! !
Dieses ist nach der Straße hin 58 Fuß breit und mit dem angebauten Hinterhause 96 Fuß lang, im
hinteren Teile aber 39 Fuß breit. Der vordere Teil mit der Wohnung ist von fachwerk, das
angebaute Hinterhaus massiv. Die Hausflur und eine große Kammer rechter Hand vom Eingange
ist ohne Stockwerk, die Wohnung links aber hat über dem Parterre noch ein Stockwerk, worin
unten ein Wohnzimmer und eine Kammer, oben zwei Kammern. Das Hinterhaus enthält Keller und
Boden. Die Wände sind mit Bruchsteinen ausgemauert, das dach aus Ziegeln. Das Haus befindet
sich in einem schlechten Zustand. ! !
Die Scheune daneben 30 Fuß tief und 28 Fuß lang, bis an das Dach 13 Fuß hoch. Die Wände mit
Bruchsteinen ausgemauert, Dach mit Ziegeln gedeckt. Zwei kleine an die Scheune angebaute,
baufällige Stallungen. Um den Hofraum ein Gliedwerk aus Eichendielen, 10 Fach. ! !Dazu gehören noch ein Gemüsegarten vor dem Langenbrücker Tor und der dortige Bleichgraben
mit einem baufälligen Bleichhaus. ! !

 

In der Zwischenzeit